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Auf dem Mähdrescher durchs Altenwohnzentrum
Buten na Binnen: Begeisternde Aktion für Köpfe und Herzen im AWO Hermann-Bontjer-Haus / Senior*innen reisen auf virtuellen Routen
AURICH. Noch einmal durch die Straßen der eigenen Kindheit fahren. Sehen, wie sich das Heimatdorf in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Vielleicht soll’s ja ein Ausflug über den Wochenmarkt in Münster, eine Gondelfahrt durch Venedig oder eher noch eine Tour mit dem Mähdrescher durchs Altenwohnzentrum sein? Dank des Ihlower Vereins „Buten na Binnen“ konnten Bewohner*innen des AWO Hermann-Bontjer-Hauses nun verschiedene Sehnsuchtsorte der Welt ausgiebig bereisen, dabei aber doch an Ort und Stelle und in den eigenen Hausschlappen verbleiben.
„Oh ja, lass uns zum Marktplatz – der ist soo schön!“, sagt’s und lächelt vorfreudig den nächsten Film herbei. Dass sich Ingrid mit nun immerhin 77 Jahren fernab noch einmal radelnd auf heimatliche Pfade über den münsterschen Prinzipalmarkt und ins bunte Treiben der Domstadt begeben kann, ist sichtbar großes Glück. Möglich macht dies eine Idee, die ursprünglich aus den Niederlanden stammt, nun aber auch ganz konkret vom Verein „Buten na Binnen“ umgesetzt worden ist.
„Wir möchten Menschen, die nicht mehr draußen Radfahren können, die Welt nach drinnen holen“, so dessen Vorsitzender Frank Willms, „durch die Bereitstellung von medizinischen Fahrrädern und einem gekoppelten Videosystem mit über 900 Fahrradrouten weltweit ermöglichen wir spielerische Bewegung für Bewohner von Seniorenheimen, Tagespflegen oder Menschen mit Handicap.“ Das ist allerdings nur der eine außergewöhnliche Teil der Wahrheit. Die andere Hälfte mag für die Nutzenden noch bedeutender sein – denn sein Verein schenkt den Menschen nicht nur bislang ungekannte Eindrücke von Orten rund um den Globus, sondern auch Erinnerungen und gute Gefühle aus längst vergangenen Tagen: „Gern stellen wir auch ganz individuelle wohnortnahe Wunschrouten bereit.“ Dafür schwingen sich die Mitglieder bei Bedarf auf ihre Räder und filmen dann selbst jene Strecken, die für Senior*innen eine tiefe Bedeutung haben mögen.
„Die vergangenen Tage, in denen wir dieses sogenannte ‚Bike Labyrinth‘ bei uns hatten, haben unfassbar viel Entspannung ins Haus gebracht“, erzählt Birgit Euhausen, die Koordinatorin des Sozialen Dienstes im Hermann-Bontjer-Haus. „Heute Vormittag sind wir quer durch die Niederlande und einmal durch Venedigs Wasserstraßen – es ist faszinierend, dass Bewohner, die sonst immer auf der Flucht sind, plötzlich wie angewurzelt davorsitzen und selbst das Mittagessen dabei vergessen.“ Selbst zugehörige Umgebungsgeräusche fehlen da nicht.
Um die besondere Wirkung weiß natürlich Frank Willms allzu gut. Als dessen Schwiegereltern plötzlich nicht mehr mobil waren und „mal raus“ kamen, stieß er auf das niederländische System, vereinbarte gleich eine Zusammenarbeit und brachte so die Technologie nach Ostfriesland. Und davon profitieren nun immobile Senior*innen landauf landab. Das medizinische Fahrradsystem lässt sich mit Armen und/oder Beinen antreiben. Erscheint auf dem Monitor im Film eine Kreuzung, können die Radelnden selbst entscheiden, wohin es geht, allein per Knopfdruck. Hier vom Rad zu fallen, muss niemand fürchten. Auch nicht vom Pferderücken, Boot oder Mähdrescher. „Wann geht es weiter, wo wollen wir jetzt hin – und wo sind wir eigentlich? Solche Fragen stellen sich hier aktuell immer wieder“, sagt Euhausen und ist dabei selbst schwer begeistert. Auch von der so möglichen Biographie-Arbeit. Denn auch Menschen, die sich vielleicht in sich zurückgezogen haben und wenig teilhaben lassen wollen, öffnen sich hier plötzlich und berichten von schönen Erlebnissen, Reisen und glücklichen Momenten. Dieses virtuelle Radfahren ist also nicht nur unterhaltsame(re)s Fitnessprogramm, sondern auch positive Kopf- und im wahrsten Sinne Herzarbeit. „Während sich die Bewohner*innen hier bewegen, rattert das Gehirn verstärkt und fördert viele Erinnerungen zu Tage, die verschollen schienen“, sagt Euhausen und verweist damit insbesondere auf die herausragende Wirkung auf Routen aus der Region: „Frank Willms wird hier sicherlich noch viele Touren für uns machen müssen …“
Das dürfte ganz im Sinne von Tomma sein. Die rüstige Neu-100-Jährige stammt aus dem Norden – und hat gleich mal eine halbe Stunde auf dem Rad zurückgelegt, durchweg freudestrahlend.
Bei allem offenkundigen Spaß bleibt doch ein kleiner Wermutstropfen: Diese „Zeitundraummaschinen“ sind immer nur kurz im Hause, nach einer Woche geht’s schon wieder weiter zum nächsten temporären Standort. Denn das System funktioniert auf Leihbasis und auf Spendenbasis, die Idee wird getragen von Vereinsmitgliedern, die ihr Engagement und Videobearbeitung, Transport, Einweisung, Wunschrouten-Erfüllung und eben eingeworbene Gelder umsetzen. Dass so viel Ehrenamt Unterstützung benötigt, steht außer Frage. Gern würde das AWO Hermann-Bontjer-Haus aufgrund des immensen Erfolgs ein solches Rad für immer in den eigenen Räumlichkeiten wissen – die Anschaffungskosten von über 11.000 Euro aber sind schlichtweg zu hoch. Daher freut man sich zumindest über einwöchige Nutzungszeiten, ein Kurzurlaub im wahrsten Sinne. Alle Infos und Spendenmöglichkeiten zum Verein aus Ihlow gibt es unter: www.buten-na-binnen.de
WEITERE INFORMATIONEN ZUM THEMA
Das Konzept …
… stammt ursprünglich aus den Niederlanden. Frank Willms hat es fürs nahe Umfeld heruntergebrochen – und gibt so mit seinem Engagement Senior*innen die Chance, nicht nur in einer Gondel durch Venedig zu schippern, sondern auch durch die früheren Heimatstraßen in Aurich zu radeln. Der Kontakt zum Verein führt über Frank Willms unter info@buten-na-binnen.de und Telefon (0152) 58127447.
Der AWO Bezirksverband Weser-Ems …
… bietet mit seinen über 4000 Mitarbeitenden zwischen Nordsee und Osnabrücker Land soziale Dienstleistungen in rund 80 Einrichtungen rund um Pflege, Kinderbetreuung, psychosoziale Teilhabe und Beratung an. Alle Infos: https://www.awo-ol.de/
Die Arbeiterwohlfahrt …
… gehört zu den sechs Spitzenverbänden der Freien Wohlfahrtspflege. Bundesweit wirken in ihr über 300.000 Mitglieder, mehr als 72.000 ehrenamtlich Engagierte und 242.000 hauptamtliche Mitarbeiter*innen, um in unserer Gesellschaft bei der Bewältigung sozialer Probleme und Aufgaben mitzuwirken und den demokratischen, sozialen Rechtsstaat zu verwirklichen.
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